Der Auftragsgeber

Lautes Vogelgezwitscher weckte Aaron aus seinem tiefen Schlaf.
Sonnenlicht tauchte das Zimmer in warmes Licht. Es musste schon ziemlich spät am Tag sein.
Er fühlte sich allein und verlassen in dem riesigen Raum. Durch das große Fenster zu seiner Linken, sah er auf die Straße. Wenige Menschen gingen durch die Straße und die Meisten waren unterwegs zum kleinen Kaffee schräg gegenüber dem Fenster.
Er schaute zum Schreibtisch wo sich die einzige Uhr befand, die es in dem gesamten Zimmer gab.
Die Digitaluhr zeigte an, dass es schon fasst Drei Uhr Nachmittags war. So lange hatte er also geschlafen. Was hatte er auch nach der Feier gestern erwartet?
Trotz seiner Müdigkeit entschied er sich aufzustehen, um sich anzuziehen.
Schwerfällig erhob er sich und wollte die Bettdecke aufschlagen, als er durch ein komisches Gefühl auf die Rechte Seite des Bettes schaute.
Ein, ihm völlig Fremder, Mann lag schlafend und halb nackt neben ihm.
Erschrocken zuckte Aaron zusammen und wich gleichzeitig zurück, wobei er so weit an die Bettkante kam, dass er im nächsten Augenblick vom Bett fiel.
Durch den Sturz bemerkte er jetzt erst, dass er komplett nackt war!!!
Vollkommen verwirrt schaute er sich im Zimmer um. Ihm wurde klar, dass er nicht zuhause sondern in einem Hotelzimmer war.
Durcheinander und sich fragend wo er war, wer der Mann war und warum er nackt war, bemerkte er nicht, dass der Mann längst wach war und nach einer kurzen Zeit anfing zu kichern.
Etwas erschrocken drehte sich Aaron zu dem Mann und brachte nur Wortfetzen hervor.
„Wer....? Was....? Wo...????“
Der Mann kicherte noch immer, fing sich aber bald und sagte irgentwas, dass Aaron erst gar nicht hörte.
„ Kannst du dich nicht erinnern? Du hättest nicht so viel trinken sollen! Das hast du jetzt davon. Hast du noch Kopfschmerzen?“
Der Mann lächelte Aaron nur an, was ihn ziemlich verunsicherte.
Aaron wurde plötzlich rot und zog die Decke hoch so weit er konnte.
„Naja, ist ja auch egal. Aber bitte, erinnere dich! Weil es nämlich sehr wichtig ist.“ Immer noch durcheinander blickte er den jungen Mann an. Er strahlte eine Ruhe aus, die er selten zu Gesicht bekommen hatte.
Aaron verstand nicht, warum er sich nicht an die vergangene Nacht erinnern konnte. Ihm hatte nie Alkohol etwas ausgemacht. Was war also mit ihm?
Er schreckte auf, als der Mann weitersprach:
„Bitte. Es ist sehr wichtig. Denn ich habe dich nämlich, für den Preis von 1 Million, für einen Monat gekauft.“
Aaron riss die Augen weit auf. Was hatte der Typ gerade gesagt? Er habe ihn für 1 Million für einen Monat gekauft?
Warum hätte er soll einem Unsinn zugestimmt? Das sah ihm gar nicht ähnlich. Wollte der Mann seinen Blackout vielleicht ausnutzen? Es war ihm immer noch unerklärlich warum und überhaupt wie er in diesem Bett gelandet war.
Als Aaron immer noch wie versteinert neben dem Bett lag, stand der Mann auf und ging in ein gefliestes Zimmer, das wohl das Bad war.
Nach kurzem Zögern, stand Aaron auf, suchte seine Kleider zusammen, die merkwürdigerweise ordentlich auf einem Stuhl lagen. Zog sich an um so schnell wie möglich zu verschwinden.

~§~

Als er wieder zu Hause war, glaubte er, dass er nur einen merkwürdigen Traum hatte.
Aaron wurde aus dem Glauben gerissen, dass er sich heute ausruhen könne, als er sich eine Nachricht von Maxim auf dem Anrufbeantworter anhörte.
Er spielte schon mit dem Gedanken, einfach liegen zu bleiben und die Nachricht zu missachten. Das er auch – bei jeder anderen Person - getan hätte. Aber bei Maxim war es schon etwas ganz anderes.
Maxim war immer für ihn da gewesen. Er hatte Aaron geholfen sich mit seinem Vampirdasein in der Menschenwelt zurecht zu finden. Maxim war für ihn so etwas wie ein Vater, den er nach seiner Verwandlung verloren hatte.
Aaron hatte akzeptiert, dass er ganz allein war. Dass seine Eltern nichts mit einem blutdurstigen Wesen zu tun haben wollen. Warum auch? Vielleicht hätte er auch irgendwann sie angegriffen.
Wenn er ihnen heute begegnen würde, würden sie ihn nicht erkennen. Nicht nur, dass er nicht gealtert war, seine Haare haben sich durch den Vampirbiss  vermischt. Seine braunen Haare waren verschwunden und wurden durch eine Mischung aus schwarz und wenigen weißen Strähnen ersetzt.
Seine Augen behielten den Saphir grünen Glanz. Und seine Haut war viel heller geworden.
Als er ins Freie trat, musste er sich die Hand vors Gesicht halten um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Er hatte schon viel von schwachen Vampiren gehört, die sich nicht im Sonnenlicht blicken lassen konnten, weil sie sonst sterben würden. Er war froh, dass ihm wenigstens dies Gewährt blieb.
Aaron hatte sich so gut wie möglich an das Leben mit Menschen gewöhnt. Was sehr schwierig war, weil er kurz nach seiner Wandlung sich ausschließlich im Reich des Vampirvolkes aufhielt und das mehrere Jahrzehnte lang.
Sein Alter in Menschenjahren würde man auf ungefähr auf 17/18 schätzen. Doch in Wirklichkeit war er viel älter. Seine Menscheneltern waren längst alt und grau. Und wahrscheinlich schon Großeltern. Aaron hatte sie nie besucht. Er hasste sie dafür zu sehr um sich überwinden zu können.
Immer noch etwas Müde, stieg er in den bestellten Wagen von Maxim ein, um sich auf sein Anwesen fahren zu lassen.
Der Sitz des ‚Red Rose’ Klans befand sich außerhalb von Madison. Ungefähr eine Halbe Stunde mit dem Auto.
Aaron und Maxim waren immer zusammen gewesen. Sie hatten nie etwas alleine gemacht. Und als Maxim beschloss aus dem Reich des Vampirvolkes und zu den Menschen zu ziehen, war es selbstverständlich, dass Aaron mit ihm kam.
Nach einiger Zeit beschlossen Beide, dass es für Aaron besser wäre, wenn er in der Stadt wohnen würde. Denn das Geschäft, dass Maxim mit ‚Red Rose’ führte, war nicht gerade legal und Aaron sollte so wenig wie möglich damit in Kontakt treten.
Er erklärte sich bereit, ins Zentrum der Stadt zu ziehen und wie ein normaler Mensch zu leben, so wie es sein Zustand erlaubte. Und obwohl Maxim und er getrennt waren, verabredeten sie sich so oft wie möglich. Und wenn Maxim einige Probleme mit irgendwelchen Menschen hatte, schickte er Aaron um sein Problem zu beseitigen und sich dabei noch mit Menschenblut zu stärken.

~§~

Als der Wagen in die Einfahrt einbog, begann sein Herz schneller zu schlagen. Er spürte schon die Anwesenheit von Maxim. Er hatte es schon gespürt, als sie die Stadt verlassen hatten. Nur war ihm jetzt Maxims Nähe bewusster.
Zitternd stieg er aus dem Wagen. Beim Einatmen der frischen Landluft stieg ihm auch Maxims Geruch in die Nase. Und erst jetzt wusste Aaron, wie sehr er ihn vermisst hatte. Auch wenn erst eine Woche seit ihrer letzten Begegnung vergangen war.
Die zwei Flügel Türen wurden von innen von zwei Dienern geöffnet.
Man hatte ihn schon erwartet. Oder besser gesagt: Maxim hatte sein Kommen gespürt.
Aaron kannte sich bestens in dem Haus aus und ging deshalb zielstrebig ins Wohnzimmer, da er auch wusste wo sich Maxim aufhielt.
Er schaute sich im Zimmer um und fand Maxim erst beim zweitem Hinsehen.
Er stand, mit dem Rücken zu Aaron, an einem der riesengroßen Fenster.
Glücklich ihn wieder zu sehen, lief er durch den Raum zu Maxim. Geahnt, dass Aaron ihn mit einer Umarmung begrüßen würde, drehte er sich in einer einzigen geschmeidigen Bewegung um, damit ihn Aaron mit größter Sehnsucht umarmen konnte.
„Maxim! Endlich sehe ich dich wieder.“, sagte Aaron und schmiegte sich noch fester an Maxim.
Mit einem leichtem Lächeln, hielt er Aaron an seinen Schultern fest und küsste ihn zur Begrüßung sanft auf die Lippen.
Seit Aaron und Maxim getrennt von einander waren, begrüßten sie sich immer auf diese Weise: Aaron kuschelte sich an Maxim, nachdem er ihn sah und ihn glücklich umarmte. Und Maxim gab ihm, als seine Antwort, zur Begrüßung einen Kuss.
Und wie immer wurden sie von Clay unterbrochen, wenn sie sich zu lange küssten.
„Sir, dass Abendessen ist fertig.“ Genau wie viele andere Vampire, nahmen Maxim und er Menschennahrung zu sich. Auch wenn Blut sie am Leben erhielt, nichts schmeckte besser als feste Nahrung. Und zugleich erinnerte er sie noch an die Zeit in der sie Menschen waren.

~§~

Am Tisch sahsen nicht nur Maxim und Aaron. Wenn es das Geschäft und die Zeit zuließ, waren auch andere ihrer Art, also Vampire, anwesend. Eigentlich trafen sich am Wochenende nicht nur Maxim und er. Es war so etwas wie ein Ritual, dass die gesamte Sippe wie eine Familie zum wöchentlichen Familienessen sich einfand. Nur das es nicht, wie bei einem normalen Familienessen, frisches Blut zum Nachtisch gab.
Für Aaron gab es heute kein Blut. Er hatte für heute nämlich noch einen Auftrag. Und bei Aarons Aufträgen ging es immer nur um Menschenmord.
Da er nichts zum Trinken bekam, blieb ihm nichts weiter übrig, als seinen Blick zu senken. Sonst währe es ziemlich unhöflich, wenn er die Anwesenden anstarren würde. Und außerdem hatte er großen Durst und musste sich zurückhalten, sonst würde er die Kontrolle über sich verlieren.
Maxim merkte, dass sein blutsjunger Vampirfreund nervös wurde.
Amüsiert über Aarons Ungeduld, gab er ihm einen Kuss, wobei er noch etwas Blut auf seinen Lippen lag und es Aaron zu schmecken bekam.
„Gedulde dich noch ein wenig. Bald wird dein Nachtisch eintreffen. Du darfst dann von ihm kosten, aber nicht töten.“ Das hatte Maxim schon öfters getan. Wenn sich jemand in sein Geschäft einmischte, ließ er ihn entweder töten oder  er bekämpfte ihn mit menschlichen Mitteln. Gericht oder einfach nur Geld. Da konnte noch nie ein Mensch nein sagen. Und wenn er’s doch tat, machte er diesen zu einem Vampir. Dann hatte er entweder die Wahl: Mit Maxim kooperieren oder sofort sterben.
Clay trat ein. Anscheinend gab es Besuch. Aaron konnte den Geruch von mehreren Menschen riechen. Und außer Clay gab es hier keine Menschen. Und er fühlte auch, dass Fremde gekommen waren.
„Dann wollen wir die Ungeduldigen nicht mehr warten lassen.“ Damit meinte er nicht nur die Fremden Ankömmlinge sondern auch Aaron.
Maxim trank in einem Zug aus. Etwas blieb noch an seinen Lippen kleben, Aaron hielt den Anblick nicht mehr aus und leckte ihm das restliche Blut von den Lippen.
Sämtliche anwesenden Vampire wussten um die enge Bindung zwischen Maxim und Aaron und lächelten die Beiden bei Aarons Geste nur an. Auch wenn man sagte, dass Vampire blutrünstige Monster sind, haben sie trotz allem die Fähigkeit zu denen, die sie mögen, zärtlich zu sein. Und ganz besonders junge Vampire haben diese Fähigkeit nicht verlernt. Man könnte sogar sagen, dass sie noch zärtlicher werden und trotz allem skrupellos sein können.
Während sich die andern noch im Speisezimmer unterhielten und lachten, gingen Maxim und Aaron nah bei ihm, gefolgt von Clay, in eines der großen Wohnzimmer.
Dort wurden sie auch gleich von zwei Männern begrüßt. Aber Aaron wusste, dass noch eine weitere Person anwesend sein musste. Erst auf den zweiten Blick erkannte er einen Mann am Kamin.
Irgendwie kam ihm der Mann bekannt vor, aber er wusste nicht woher, denn der Mann stand mit dem Rücken zu ihm.
„Was soll das, Herr Mirogue? Sagten sie nicht, dass sollte eine private Unterhaltung werden? Was macht dieser Junge hier?“, fragte der kleinere von den Herrschaften. Anscheinend war er der Boss von den Dreien.
Sein Nachtisch!
Maxim drückte Aaron fest an sich. „Er   gehört zu mir. Er ist bei jedem meiner Treffen dabei. Keine Sorge, er wird nichts weitersagen was wir hier besprechen. Nicht war Aaron?“
Maxim drückte ihn noch fester an sich, als er merkte wie sehr Aaron darauf wartete seinen Durst endlich stillen zu dürfen. Aaron hätte nicht gedacht, dass er noch so lange auf die Folter gespannt würde.
Als ihn Maxim noch fester am Arm packte, merkte er erst jetzt, dass er die ganze Zeit den Mann anstarrte.
Aaron nickte kurz. Als Bestätigung, dass er niemand sagen wird, wie lecker er doch gegessen hatte.
„Na gut. Kommen wir dann zur Sache. Ich bin nur hier um ihnen noch einmal zu sagen, dass ich ihr Angebot ablehne. Ich lasse mich nicht kaufen. Es ist unerhört, dass sie Menschen für ihren Club kaufen lassen. Das geht zu weit. Ich sehe mich gezwungen ‚Red Rose’ aufzulösen.“ Schweigen entstand. Man hörte nur noch das Knistern des Feuers. Und Aaron hörte außerdem noch das Herz seines Opfers schlagen. Alles andere war für ihn unwichtig.
Maxim seufzte. „Ich hätte gedacht sie sind ein vernünftigerer Mensch. Sie sind genauso dumm wie die anderen Menschen. Sie lassen mir leider keine andere Wahl, Herr Naoki.“, sagte Maxim, während er sein Gesicht in Aarons Haar vergrub. Langsam hob er die rechte Hand, worauf ein starker Wind die beiden Männer durch den Raum zu Boden schleuderte.
Naoki konnte sich langsam wieder erheben. Der Andere jedoch hatte das Bewusstsein verloren.
„Jetzt darfst du, Aaron“. Endlich befreite ihn Maxim aus seinem festen Griff und Aaron ging langsam auf den Mann zu. Er musste sich nicht beeilen. Sein Opfer würde nicht weglaufen können. Er war in diesem Raum gefangen.
Aaron blieb vor dem fassungslosen Mann stehen, bückte sich zu ihm herunter und drehte ihm den Hals leicht zur Seite. Wie hypnotisiert ließ es sich der Mann gefallen.
Ohne jegliche Schwierigkeiten bohrte Aaron seine langen Zähne in den Hals.
Clay hatte sich immer noch nicht an den Anblick gewöhnt und wendete sein Gesicht ab. Maxim jedoch schaute fasziniert zu.
Obwohl er schon lange satt war, trank er weiter, als Maxim an seine Seite trat. In ihm kam der alte tierische Instinkt hoch, dass ihm jemand seine Nahrung wegnehmen würde. Und dieser jemand war Maxim.
Und so war es auch. Als Maxim sah, dass der Mann sterben würde, wenn Aaron weitermachte, packte er Aaron an den Haaren und zog ihn von Naoki runter.
Den Kopf, durch Maxim zurück geworfen, fauchte Aaron damit Maxim ihn bloß loslassen sollte und dass ihm die Nahrung zustand.
Doch Maxim achtete nicht darauf sondern wischte ihm, wie einem kleinem Kind, das gekleckert hat, die Bluttropfen aus dem Gesicht.
„ Es ist genug. Das reicht sogar für eine ganze Woche. Wie oft habe ich dir gesagt, dass du aufhören sollst, wenn du satt bist. Und wenn du mich noch einmal anfauchst vergesse ich mich.“ Das hatte er öfters zu ihm gesagt, aber nie eingehalten. Als ihn Maxim zum ersten Mal bestraft hatte, versprach Aaron sich nächstes Mal zu beherrschen, versagte aber immer wieder. Aaron empfand die Strafe nur das erste Mal als wirkliche Strafe, die anderen Male genoss er Maxims angebliche Strafe. Die darin bestand, dass er mehrere Tage in Maxims Schlafzimmer angekettet wurde. So hatte er Maxim die ganze Zeit in seiner Nähe. Auch wenn er manchmal so schwach wurde, weil er weder zu trinken noch wenigstens etwas zu essen bekam.
Mit Gewalt riss ihn Maxim nach hinten, worauf Aaron hart auf den Boden aufkam.
Maxim hatte vor Naoki zu einem Vampir zu machen. Es wäre vollkommen idiotisch gewesen ihn zu töten. Er brauchte ihn noch.
Mit seinen scharfen Krallen ritzte er sich den Unterarm auf und ließ Naoki probieren. Dieser verschluckte sich und wollte das Blut wieder ausspucken, doch Maxim hielt ihm Mund und Nase zu.
„ Entweder schluckst du oder du wirst ersticken. Such aus was dir lieber ist.“ Der Mann schluckte.
Wie immer! Bevor die Menschen sterben, würden sie eher einen Pakt mit dem Teufel schließen.
Kurz nachdem er das Blut runter geschluckt hatte, hielt er sich gleich darauf die Kehle zu.
Er würde gleich sterben. Genau wie er, Aaron, auch gestorben war und als Vampir neu geboren wurde.
Mit größter Anstrengung schnappte er nach Luft, was ihm jedoch misslang. Nach einigen letzten Atemzügen hörte er auf zu zappeln genauso wie sein Herz aufgehört hatte zu schlagen.
„Clay, bring den Mann runter in den Keller auf sein neues Zimmer. Und was seinen Diener betrifft: Erschieß ihn! Wir brauchen ihn nicht.“ Maxim krempelte seinen Ärmel wieder runter und gab Aaron seine Hand um ihm aufzuhelfen.
„ Mir scheint, als bräuchtest du mal eine andere Art von Strafe.“
Vorsichtig, weil Maxim nicht ganz wusste ob sich Aaron wieder abreagiert hatte, küsste er ihn.
Kurz darauf hörten sie ein Husten.
Der Mann der am Kamin stand, wollte damit auf sich aufmerksam machen. Er hatte sich endlich umgedreht und nun wusste Aaron woher er den Mann kannte...

~§~

Der Fremde wahr ihm wohlbekannt. Denn er war neben ihm aufgewacht ohne zu wissen wer der Typ war und wie er in sein Bett gekommen war.
Erst jetzt bemerkte Aaron, dass etwas mit dem Kerl nicht stimmte. Er roch so ganz und gar nicht nach Mensch, sondern eher nach Tod und Blut.
Vollkommen verwirrt starrte er den Mann eine halbe Ewigkeit an. Bis ihn Maxim wieder wach rüttelte.
„Geh dich ausruhen, Aaron. Du wirst den Weg in mein Zimmer hoffentlich ohne fremde Hilfe schaffen. Deine Strafe kommt noch. Und jetzt mach, dass du in mein Schlafzimmer kommst. Sofort!“ Das war endgültig. Er würde keine Widerrede erlauben, deshalb verließ Aaron den Raum, jedoch den Blick die ganze Zeit auf dem Fremden gerichtet.
Aaron hielt es nicht aus, wenn schon Maxim Anspruch auf seine Beute erhob. Ein weiterer Rivale hätte ihn beinahe um den Verstand gebracht. Zum Glück konnte und wollte er nicht ausrasten, wenn Maxim dabei war.
Auf dem Weg in Maxims Zimmer überlegte er die ganze Zeit wer der Fremde wohl war und warum ihn Maxim so ohne weiteres in sein Haus kommen ließ.

Rückblick

Anstatt sich ins Bett zu legen, wie es Maxim von ihm verlangte, schob er einen langen Ohrensessel vor den geöffneten Balkon und späte in die dunkle Nacht hinaus.
Die ganze Zeit überlegte er wie, Maxim und er, sich begegnet sind.

~§~
 

Damals war er gebissen worden und kämpfte um sein überleben.
In einem verlassenen Haus lag er auf dem großen Bett, wo er gebissen wurde, und war bereit für seine Existenz auf Erden den Kampf aufzugeben.
In sich gekehrt und völlig verängstigt hatte ihn Maxim beim Durchqueren des Ortes gespürt und auch gefunden.
Weil Aaron so verängstigt war, kam er nicht an ihn ran um ihn mitzunehmen.
Immer wenn Maxim versucht hatte ihn zu trösten und ihn sachte zu streicheln wich Aaron in Panik zurück.
Gegen Aarons Willen verbrachte Maxim mehrere Tage neben ihm. Er tat rein gar nichts. Er saß nur schweigend neben ihm. Das wäre wahrscheinlich so weiter gegangen, wenn es Aaron nicht immer schlechter ging. Als eine Woche rum war, konnte er nur mit Mühe die Augen offen halten, bis er entgültig umkippte.
Maxim wollte ihm zur Hilfe kommen, doch selbst jetzt versuchte er sich mit Händen und Füßen zu wehren.
Um Aaron vor dem Tod zu bewahren tat er das, was für Aaron ein Albtraum war: Maxim biss ihn um ihn so zur Ohnmacht zu zwingen.
Er hätte ihn auch einfach liegen lassen können und ihn sterben lassen. Doch stattdessen bemühte sich Maxim darum, Aaron ins Leben zurück zu bringen. Wenn man es ‚Leben’ nennen durfte.

~§~

Als Aaron sich wieder erholt hatte, war er in einer völlig anderen Umgebung. Schwere Ketten hinderten ihn daran aufzustehen.
Er blieb lange allein in einem großen Raum. Irgendwann kam Maxim zu ihm.
Aaron hatte noch mehr Angst bekommen, als Maxim ihn gebissen hatte. Das erinnerte ihn wieder an seinen Albtraum, als er von einem Monster mit langen Eckzähnen und einer widerlichen Grimasse gebissen wurde. Verängstigt versuchte er  vor ihm zu fliehen, was ihm durch die Fesseln nicht gelang.
Weil Maxim sah wie sehr sich Aaron vor ihm fürchtete, blieb er in einem großen Abstand vor ihm stehen.
Das ging lange so weiter. Maxim kam immer nur zu Aaron um zu sehen wie es ihm ging.
Er hatte erst gar nicht versucht mit Aaron zu sprechen, weil er genau wusste, dass dieser ihm nicht zuhören würde.
Essen und trinken wurde von einer Dienerin gebracht. Anscheinend hatte man ihr gesagt, dass sie ihm bloß nicht zu nahe kommen sollte.
Zeit verging und Aaron verlor immer mehr die Angst vor Maxim, je mehr Besuche ihm Maxim abstattete. Schon bald kam die Dienerin nicht mehr. Das Essen wurde nun von Maxim gebracht.
Obwohl Aaron immer noch darauf achtete einen kleinen Abstand zu Maxim zu halten, ließ er es zu, dass sich dieser neben ihn setzte.
Maxim hatte viel Geduld und kümmerte sich so gut es ging um Aaron. Irgendwann kam es so weit, dass Aaron die Ketten abgenommen wurden.
Maxim brachte ihn in ein großes wunderschönes Zimmer, dass nun ihm gehören sollte.
Es gab eine Terrasse die in einen großen Garten führte....

~§~

Als Aaron jetzt aus der Balkontür schaute, sah er Dunkelheit. Alles war dunkel, trotzdem schien er immer noch die Umrisse des Gartens zu sehen. Die schwarzen Rosen, die Maxim so liebte und auch Aaron begann zu lieben. Maxim war die einzige Person der er vertraute.
Die anderen Vampire respektierten Aaron, weil er von Maxim ausgebildet wurde und Maxim jeden einzelnen von ihnen kreuzigen würde, wenn jemand wagte Aaron auch nur ein Haar zu krümmen. Und obwohl es wirklich keinen Grund dafür gab sich zu führten, hatte Aaron große Angst vor den Vampiren. Er war auch ein Vampir, aber die Umstände die ihn zu einem Vampir machten, ließen ihm genügend Gründe sich vor den Blutsaugern zu fürchten.

„Hab ich dir nicht gesagt, dass du schlafen gehen sollst?!“
Aaron fuhr herum, als Maxim in der Tür erschien.
Im Grunde hatte Aaron nur gewartet um ihm eine Frage zu stellen.
„Der Fremde. Wer war das? Ist er gegangen?“ Die letzte Frage war überflüssig. Er hatte auch so gespürt wenn sich jemand dem Haus näherte oder es verließ – er spürte nichts mehr von der fremden Aura.
„Du sollst schlafen gehen hab ich gesagt. Du solltest froh sein, dass du im Bett schlafen kannst. Ich hätte dich nämlich in Ketten gelegt nach deinem heutigem Ausraster. Wie oft  hab ich dir schon gesagt, dass du lernen musst dich zu beherrschen.“
Ohne Aaron auch nur anzuschauen, zog er seinen Anzug aus und lockerte seine Krawatte.
„Du hast mir auf meine Frage nicht geantwortet: Wer war der Mann?“
Maxim hatte ihm eigentlich immer alles gesagt. Darum verstand er nicht, warum er jetzt schwieg.
Zornig drehte sich Maxim zu ihm um und brüllte ihn an: „Bevor ich dir deine Frage beantworte sag mir erst einmal wo du gestern Nacht warst.“
Aaron verstand nicht. Was sollte die Frage. Er war doch die ganze Nacht über zuha...
Er erinnerte sich wieder. Heute Vormittag war er neben einem Fremden aufgewacht.
„I...Ich...“, er stockte. Wie sollte er Maxim sagen, dass er einen Blackout hatte und auch noch mit einem Fremden im Bett aufwachte.
Aaron wusste nicht, warum er es für falsch hielt. Aus irgendeinem Grund glaubte er Maxim betrogen zu haben.
„Ich hoffe es hat dir mit Leon Spaß gemacht. Du solltest jetzt besser gehen. Er wartet im Auto auf dich.“
Aaron wollte etwas antworten, doch ihm blieben die Worte im Halse stecken. Regungslos blieb er im Sessel sitzen.
„Sitz hier nicht so dumm rum. Er hat dich doch gekauft. Also geh endlich zu ihm. Ich will dich hier nie wieder sehn.“
Ungläubig versuchte er in Maxim Augen zu lesen. Vielleicht war es nur ein Scherz von ihm gewesen und er würde ihn gleich angrinsen und in schalendem Gelächter ausbrechen.
Doch nichts passierte. Er zog die Krawatte aus und verschwand im Nebenzimmer.
Nach einer Ewigkeit, so schien es Aaron, erhob er sich aus dem Sessel.
Verzweiflung stieg in ihm auf. Die einzige Person die er respektierte und der er vertraut hatte, kehrte ihm den Rücken und ließ ihn allein zurück.

~§~

Als er endlich aus dem Haus raus war, sah er, dass ein fremdes Auto im Hof parkte.
Ein Mann stieg aus. Der Typ von heute Abend und auch gleichzeitig der Fremde bei dem er heute aufgewacht war.
„Hat dich der Idiot rausgeworfen?“ Mit einem traurigem Lächeln deutete er auf die offene Wagentür, auf das Aaron ohne zu zögern einstieg.

 

 

Vereint

Auf der Fahrt zurück in die Stadt erklärte ihm Leon, dass er ein Vampir seih und lange Zeit mit Maxim im Reich des Vampirvolkes lebte. Dass sie zusammen so was wie Jäger waren, die unerwünschten Vampiren den Tod brachten. Er erklärte ihm auch, dass Aaron sich für 1 Million für einen ganzen Monat kaufen ließ.
Sie fuhren nicht in das Hotel, wo er heute Vormittag aufgewacht war, sondern in ein größeres Gebäude.

Als sie eintraten, wusste Aaron sofort, dass es mit Vampiren überhäuft war. Er konnte keinen einzigen Menschen riechen.
Es hatte ihn immer irgendwie beruhigt Menschen zu riechen. Jetzt bekam er aber wieder Angst, wenn er nur daran dachte nur von Vampiren umgeben zu sein.
Aaron reagierte auf jede Bewegung, jede Peron die an ihm vorbei kam.
„ Keine Angst Aaron. Du wirst in den beiden obersten Stockwerken untergebracht. Dort gibt es keine anderen Vampire.“
So wies Leon gesagt hatte war’s auch. Zwei riesige Stockwerke ganz für ihn alleine. Auf dem obersten ging es ins Freie. Auf dem Dach war ein Garten angepflanzt.
Aaron erinnerte der Garten an Maxim. Auch wenn es keine schwarzen Rosen gab.
Er glaubte nicht mehr daran, dass Maxim sich bemühen würde ihn zurück zuholen.
Er fand sich mit dem Gedanken ab, dass er immer alleine bleiben würde. Und auch immer alleine gewesen war.
Die nächsten Tage hatte er nicht mehr die Zeit an Maxim zu denken. An jedem Tag war er wo anders. Sie waren entweder reiten gegangen, auf einer Yacht eine Party gefeiert, mit dem Flugzeug in New York gewesen und so weiter.
Aaron war gar nicht aufgefallen wie schnell die Zeit vergangen war. Er hatte auch nicht bemerkt, dass ihm vieles Spaß gemacht hat und war wieder so glücklich wie er es als Mensch war oder als er bei Maxim war.
 

~§~

An diesem Tag waren sie in einem Freizeitpark und fuhren mit den verschiedensten Achterbahnen. Danach gingen Leon und Aaron in eine Delphinvorstellung.
Nach der Vorstellung hatten die Besucher die Chance die Delphine zu streicheln.
Aaron wollte erst gar nicht, doch Leon zwang ihn dazu. Und sagte ihm noch, dass der Delphin schon nicht beißen würde.
Und tatsächlich: Als Aaron an der Reihe war, wurde er vom Delphin freundlich mit einem kräftigen Spritzer begrüßt. Ließ sich als Entschuldigung dann aber doch streicheln.
„ Siehst du, Aaron. Du musst nur vertrauen haben. Wollen wir noch in den Garten?“
Blumen. Aaron liebte schöne Blumen. Auch wenn er wusste, dass es in diesem Garten von Menschen erbaut, keine schwarzen Rosen gab, ging er bereitwillig mit.
Der Ausflug machte ihm so viel Spaß, dass er die ganze Zeit nicht bemerkte, wie ein älteres Paar und deren Tochter mit einem Kind, sie die ganze Zeit beobachtet hatten.
„ Kann es sein? Ist das unser Junge?“ Zögernd aber trotzdem in der Hoffnung ihren verlorenen Sohn gefunden zu haben, folgten sie Leon und Aaron.
...

~§~

Im Garten gab es die verschiedensten Blumensorten. Von Begonien bis hin zum Weihnachtsstern und auch Aarons geliebte Rosen durften nicht fehlen.
Als Aaron lange begeistert sich jede einzelne Blume anschaute, kam nach einiger Zeit ein kleines Mädchen zu Aaron.
Er spürte etwas vertrautes. Als hätte er sie schon einmal gesehen.
Frech grinste sie ihm ins Gesicht. Das Lächeln erinnerte ihn an seine Schwester. Marie. Das erste Mal, dass er sich wieder an seine Familie erinnerte.
„Michelle? Wo bist du? Komm bitte wieder her.“ Diese Stimme. Sie klang zwar nicht mehr so jung, aber trotzdem erkannte er sie: Es war Marie!
Er musste sie nicht sehn um zu wissen, dass sie es war. Er spürte es! Und nicht nur sie. Noch zwei weitere Personen. Seine Eltern?!
„Geht’s dir nicht gut? Du bist ja noch blasser, als du eh schon bist.“ Das kleine Mädchen lachte ihn  glücklich an.
Sie musste Maries Tochter sein.
„ Michelle, das ist nicht lustig!“ Die Stimme war ganz nah.
Er musste sofort hier weg. Vielleicht würden sie ihn wieder erkennen.
Doch bevor er reagieren konnte, war es zu spät. Marie stand schon vor ihm.
„ Ah, Michelle, da bis...“ Sie brach mitten im Satz ab und blickte Aaron mit offenen Mund an.
Zwei weitere Personen kamen dazu.
„Marie. Was ist? Hast du die kleine Ausreißerin gefunden?“ Als das ältere Pärchen Aaron sah, blieben sie auch stocksteif stehen.
Aaron merkte selbst nicht, dass er am ganzen Körper zitterte.
Die ältere Frau brach das Schweigen: „ Bist du es, Aaron? Du bist es oder etwas nicht? Aaron?“
Als sein Name viel zuckte er automatisch zusammen.
Es klickte in seinem Kopf.
Wie sollte er ihnen erklären, dass er immer noch so jung war, wie er damals verschwunden war. Ihnen sagen, dass er ein Vampir ist und sich von Menschenblut ernährt? Nein!
Er beschloss, dass es besser wäre, sie in dem Glauben zu lassen er sei tot.
Aaron nahm sich zusammen und sagte mit leiser Stimme: „Tut mir leid, aber ich heiße nicht Aaron.“
Die große Lüge war raus!
Er drehte sich um und ging in die entgegen gesetzte Richtung. Leon tauchte vor ihm auf. Er war nicht sehr von den Blumen begeistert und hatte am Eingang gewartet.
„Na endlich. Hast dir aber ganz schön viel Zeit mit den Blumen gelassen. Ich sehe schon, dass dich Blumen sehr begeistern. Nur zu gut, dass ich dir die Stockwerke mit dem Garten gegeben habe.“
Aaron hörte nicht wirklich zu, sondern konzentrierte sich immer noch auf seine Eltern, die wenige Schritte von ihm entfernt standen.
„Aaron? Hey, Aaron, hast du verstanden was ich gerade gesagt habe?“
Das zweite Mal, dass Aaron bei seinem Namen heute zusammenzuckte.
Nicht nur er hatten seinen Namen gehört. Seine Eltern schreckten hoch.
Aaron begann wieder zu zittern.
‚Dieser verfluchte Leon. Hätte er nicht warten können, bis ich rausgekommen wäre?’

Die ältere Frau kam auf Aaron zu.
„Aaron....Also bist du es doch. Mein geliebter Sohn. Ich habe dich so sehr vermisst.“, sagte sie, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.
Aaron sah die Tränen zwar nicht, doch er konnte das salzige Wasser riechen.
Er blieb, mit dem Rücken zu seiner Mutter, stehen und rührte sich nicht.
Marie mischte sich nun ein: „ Bruder. Ich bitte dich. Wir haben dich alle so sehr vermisst. Wir wissen zwar nicht wo du die ganze Zeit warst, aber wir haben immer gehofft, dass du noch lebst. Dreh dich bitte um Aaron. Wir sind deine Familie. Was haben wir denn getan? Bist du etwa freiwillig abgehauen? Was haben wir denn getan? Komm doch bitte wieder zurück.“
Sie blieb direkt hinter Aaron stehen und legte eine Hand auf seine Schulter, worauf Aaron sofort
zusammen zuckte und Marie die Hand wieder weg nahm.
„ Ich bin nicht mehr der, den ihr kanntet. Fragt ihr euch denn nicht warum ich nicht gealtert bin? Ich bin böse. Ich bringe Menschen um ohne dass es mir leid tun würde. Und wenn ich wollte, würde ich euch töten.“
Um sein Gewissen zu beruhigen redete sich Aaron ein, dass es besser wäre, sich nicht umzudrehen und einfach zu gehen. Dass er ein Monster war, der sich irgendwann nicht beherrschen würde und seine ehemalige Familie umbringen würde.
Das kleine Mädchen schaute die ganze Zeit verwirrt umher. Sie wusste nicht zu wem die gucken sollte: Zu ihrer Mutter, ihrer Großmutter oder den jungen Mann.
Dann lief sie zu Aaron und schaute ihm mit ihren großen grünen Augen an.
„Ich glaub aber nicht, dass du böse bist. Du magst doch Blumen oder? Aber böse Menschen hassen Blumen. Außerdem bist du doch Mamas Bruder. Und sie hat mir sehr viel von dir erzählt. Du bist ganz bestimmt nicht böse. Du kannst mir ruhig glauben Onkel, denn ich weiß es ganz bestimmt.“
Aaron konnte sich nicht erinnern, dass er nach seiner Verwandlung zum Vampir jemals wieder geweint hatte. Er hatte geglaubt, als Vampir habe man diese Fähigkeit verloren.
Er bückte sich zu dem kleinen Mädchen und umarmte sie.
„Denkst du, deine Mama, deine Oma und dein Opa denken auch so?“
Das Mädchen spielte mit Aarons schwarzen Haaren. Sie begeisterten die schneeweißen Strähnchen in seinen Haaren.
„Ganz bestimmt. Und wenn nicht, dann kriegen sie ganz doll viel Ärger von mir, weil sie meinen Onkel zum Weinen gebracht haben.“
Jetzt gesellte sich auch Marie zu den beiden. Und diesmal ließ er zu, dass sie ihn umarmt.
„Ich werde deinen Onkel bestimmt nicht zum Weinen bringen.“
Während sich die drei umarmten und Michelle sich zwischendurch mit Aarons Haaren amüsierte, zögerten die Eltern noch.
Leon trat zu ihnen. Und legte eine Hand auf die Schulter von Aarons Vater. Dieser erschrak, weil er ihn nicht gehört hatte.
„Er hat vieles durchgemacht. Und in dieser Zeit hat er das Vertrauen zu jedem Menschen verloren. Er wurde viele Male verletzt und verraten. Gehen sie schon zu ihm. Ich glaub er freut sich sehr seine Familie wieder zu haben.“
Nur widerwillig trat endlich Aarons Mutter zu ihm. Sie hatte geglaubt, er würde sie nur anschauen und ihr Vorwürfe machen, dass sie ihn verloren hatte. Doch stattdessen warf er sich seiner Mutter in den Arm und schluchzte vor sich hin.
Nach etlichen Jahren in Einsamkeit und Verzweiflung hatte er tief in sich an seine Eltern gedacht. Sich an die schöne Zeit erinnert, als er noch ein Mensch gewesen war.

Die Wiedersehensfreude wurde von Leon unterbrochen.
„Aaron, es wird Zeit. Wir müssen gehen.“

Endlich glücklich?!?

Aaron fuhr hoch.
„Was? Warum? Ich möchte bei ihnen bleiben.“
Leon senkte den Blick.
„Ich sagte auch nicht, dass du dich wieder von ihnen trennen sollst. Wir haben einen Deal. Hast du das etwa schon vergessen? Wir haben gesagt, das du für einen Monat bei mir bleibst. Die Zeit ist noch nicht rum. Du kannst danach zu ihnen gehen.“

Aarons Mutter wollte ihn nicht gehen lassen. Sie hatten ihn gerade wieder gefunden, warum sollte er wieder gehen? Genauso sah es auch Aaron. Aber er wusste, dass er nach dem Monat zu ihnen zurück kehren konnte, denn sie empfingen ihn mit offenen Armen.

Deshalb tröstete er seine Mutter und seine Schwester, mit den Worten, dass er ganz bestimmt zu ihnen kommen würde.
Mit Widerwillen ließen sie ihn gehen.
Die ganze Zeit beim Abschied stand Aarons Vater nur außerhalb und schaute zu Boden.

~§~

Mit voller Vorfreude darauf, dass er bald wieder zu seinen Eltern gehen konnte, war er die meiste Zeit im Garten und goss die Blumen.
Ihm fiel eine vertrocknete Rose auf. Sie hatte zu viel Sonnenlicht bekommen und war ganz schwarz geworden.
Aaron erinnerte sich wieder an Maxim und dass er schwarze Rosen liebte.
Er hatte es die ganze Zeit nicht bemerkt, weil er zu viel zu tun hatte. Aber jetzt wurde es ihm bewusst: Er vermisste Maxim. Ihm wurde es schwer ums Herz.
Und betrachtete lange die verwelkte Rosa, sodass er nicht merkte wie Leon neben ihn trat.
 „Schwarze Rosen. Maxims Lieblingsblumen.“
Aaron nickte nur.
Leon schaute Aaron direkt ins Gesicht und lächelte.
„Du vermisst ihn wohl sehr. Bald ist der Monat vorbei und du kannst wieder zu ihm gehen.“
Aaron wurde traurig. Maxim würde ihn garantiert nicht wieder sehen wollen. Er hatte ihn rausgeworfen. Das war wohl klar.
„Weißt du eigentlich warum er diese Rosen so sehr mag?“ Sachte nahm er Aaron die verwelkte Rose aus der Hand.
„Als er ein Mensch war, hatte er sich in eine Person verliebt. Er wusste nicht wie er es anstellen sollte der Person seine Liebe zu gestehen.
Dann entschied er sich dazu, der Person rote Rosen zu schenken, weil diese bekanntlich für die Liebe standen. Die Rosen wurden abgelehnt unter dem vorwand, dass sie schon verwelkt waren. Ein anderes Mal schenkte er der Person gelbe Rosen, die wieder abgelehnt wurden, weil sie angeblich verwelkt waren. Er versuchte es weiter mit rosafarbenen Rosen und zu guter letzt den seltenen blauen Rosen, sie wurden auch abgelehnt und wieder unter dem selbem Vorwand.
Er wusste nicht mehr was er tun sollte. Eines Tages fand er einen Garten mit vielen Rosen. Sie waren alle schwarz. Maxim dachte sie seihen alle verwelkt, aber als er sich die Rosen näher betrachtete sah er, dass sie alle von natur aus schwarz waren.
Er nahm einige mit um sie dem Mädchen zu schenken.
Dieses mal konnte sie, oder besser gesagt ihr Vater, nicht sagen, dass die Rosen verwelkt waren, weil alle schwarz waren und die beiden wurden endlich ein Paar. Die schwarzen Rosen stehen für ihn für die Liebe. Man sieht nicht, wenn sie verwelken, weil sie eh schon schwarz sind.“
Aaron schaute sich die verfärbte Rose in Leons Hand an. Maxim hatte ihm nie diese Geschichte erzählt.
‚Warum?’, fragte sich Aaron. Er hätte es ihm doch sagen können. Aaron hatte zwar gewusst wie sehr er diese Rosen liebte, aber dass es einen speziellen Grund gab, hätte er nicht gedacht.
„Was ist mit dem Mädchen passiert?“
Leon pflückte eine der roten Rosen und ging dann an die Brüstung um auf die gesamte Stadt runter zu blicken.
Aaron folgte ihm.
„ Noch bevor die beiden heiraten konnten, wurde Maxim gebissen und wurde zu einem Vampir. Er dachte, dass es besser wäre, wenn er nicht zu ihr gehen würde. Du musst wissen, dass er damals ebenfalls wie du, große Angst hatte. Aber er überwand sich und gab sich mit seinem Schicksal ein blutrünstiges Wesen zu zufrieden. Als er dich fand hat er sich wohl an sich selber erinnert. Aber ich weiß, dass noch was anderes dahinter steckt. Weißt du eigentlich, dass du der Erste bist, der nicht von ihm gebissen wurde? Sämtliche andere Vampire, die von jemand anderem erschaffen wurden, lässt er töten. Und ich glaub nicht, dass es nur aus dem Grund am Leben gelassen hat, weil du ihn an sich selbst erinnert hast.“
Aaron wusste nicht worauf er hinaus wollte. Maxim nahm ihn damals gegen seinen eigenen Willen mit. Er pflegte ihn und gab sich alle Mühe Aarons Vertrauen zu gewinnen und ihm die Angst zu nehmen.
Maxim hatte es bis heute jedoch nicht geschafft, dass Aaron die Angst vor anderen Vampiren verlor, oder dass ihn irgend jemand auch nur anfasste.
Noch bevor er Leon fragen konnte, warum ihn Maxim aufgenommen hatte, war Leon schon längst gegangen.

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An den folgenden Tagen konnte er an nichts weiteres, als an Maxim denken.
Er hatte Maxim immer verehrt. Wenn sie sich lange nicht sahen, freute er sich desto mehr, wenn sie wieder zusammen waren.
Viele der anderen Vampire schmunzelten immer, wenn Maxim ihn immer mit einem Kuss empfing. Aaron dachte sich nie was dabei. Er wusste gar nicht, wann sie damit begonnen hatten.
Wahrscheinlich als die beiden aus dem Reich des Vampirvolkes in die Menschenwelt gingen und Aaron alleine in der Stadt wohnen sollte.
Aaron hatte von selbst angefangen Maxim so stürmisch zu begrüßen und als Maxim ihn das erste Mal geküsst hatte, fand er nichts seltsames daran. Die anderen, besonders die Frauen lächelten die Beiden immer an, wenn sich Aaron weigerte Maxim loszulassen.
Aaron wusste nicht was das zu bedeuten hatte. Er hatte sich schon sosehr an Maxims Umarmungen gewöhnt. Es war für ihn eine Selbstverständlichkeit.
Ihm ging immer mehr ein Licht auf.
Als er noch ein Mensch war, hatte er es gewusst. Es hätte ihm auch auffallen müssen, als sie  in die Menschenwelt gingen.
Er hätte sich doch bloß die Paare ansehen sollen, die sich händchenhaltend küssten nachdem sie sich sagten, wie sehr sie sich liebten.
Aaron war die ganze Zeit blind gewähsen.
Maxim hatte ihn nicht nur aufgenommen, weil ihn Aaron an sich selber erinnerte sondern, weil er ihn liebte.
Er hatte ihm den Garten mit den schwarzen Rosen gezeigt, weil er auch damals einem Mädchen so seine Liebe gestanden hatte.
Als Aaron dies bewusst wurden brach er in Tränen aus, nicht nur weil er wusste, dass Maxim ihn liebte, sondern, weil auch ihm bewusst wurde, wie sehr er Maxim vermisste und dies nur weil er selbst
in Maxim verliebt war.
Als er gebissen wurde, wusste er nicht was Liebe ist. Er wusste es nicht, weil es ihm niemand beigebracht hatte. Er wurde aus seinem normalen menschlichen Leben gezerrt noch bevor er sich richtig verliebt hatte.
Verzweifelt, weil er so blind gewesen war und Maxim für immer verloren hatte riss er mehrere Rosen aus dem Boden.
Er wollte keine einzige Rose mehr sehen, nie wieder. Aaron war alles vollkommen egal. Es interessierte ihn auch nicht mehr, dass er seine Familie wiederhatte.
Nachdem der Garten zerstört war, kniete er sich mitten in die zerstörten Blumen.
Sein Dasein als Vampir hatte ihm nur Kummer, Schmerz, Verzweiflung und Einsamkeit beschert. Maxim war der einzige der ihn noch in dieser Welt hielt. Ohne ihn schien das unsterbliche Leben eines Vampires nicht viel Sinn zu machen.
Unter Tränen hob er das Gartenmesser auf. Aaron schloss die Augen und holte aus.
Als er zustechen wollte, hielt ihn jemand an der Hand fest. Aaron öffnete wieder die Augen und vermutete Leon hinter ihm. Wen er jedoch zu Gesicht bekam, war Maxim.
„Willst du dich etwa umbringen und mich völlig verzweifelt alleine lassen? Tu mir das nicht an.“
Aaron konnte es nicht fassen. Warum war Maxim hier? Hatte er ihn nicht rausgeworfen?
Aaron wollte gerade zur Frage ansetzten, als Maxim schon die Antwort gab:
„Leon war bei mir. Es sagte mir, dass du in letzter Zeit mit den Gedanken abwesen warst und ziemlich traurig vor dich hin gucktest. Er hat mir auch erzählt, dass ihr beiden nichts miteinander habt.“
Maxim zog ihm das Messer aus der Hand und hob ihn hoch.
Ohne jeglichen Protest ließ sich Aaron in Maxims Wagen tragen. Die ganze Fahrt über hielt Maxim ihn an der Hand. Sie fuhren schweigend auf sein Anwesen.
Er brachte Aaron in den Garten mit den schwarzen Rosen.
Weil keiner von beiden etwas sagen wollte, verbrachten sie den ganzen Nachmittag damit, sich um die Blumen zu kümmern.
Aaron fühlte sich unwohl, weil er nicht recht wusste, was er tun sollte. Maxim sagen, dass er ihn liebte?
Dazu war er nicht in der Lage. Er wusste nicht wie er es anstellen sollte.
Aaron schaute sich die schwarzen Rosen an. Ihm fiel die Geschichte ein, die ihm Leon erzählt hatte.
Er pflückte eine von ihnen und blieb hinter Maxim stehen.
Verlegen schaute er zu Boden. Aaron fühlte sich wie ein  kleines schüchternes Kind.
Er hielt nur die Rose in der Hand und versuchte etwas zu sagen, jedoch brachte er nur ein abgehacktes ‚Ich’ heraus.
Als er dann in Maxims Gesicht sah verließ ihn die Angst und er übergab Maxim die schwarze Rose ohne ein einziges Wort zu sagen.
Maxim schaute die Rose nur an, bis er dann endlich aufschaute und lächelnd an der Rose roch.
„ Ich wusste nicht wie es enden würde. Ich habe nur gehofft, dass du mich irgendwann mögen würdest.
Liebe. Ich wusste erst selbst nicht, warum ich dich gerettet habe. Du warst so verängstigt. Ich wollte dich beschützen, dir helfen keine Angst zu haben und dir die Einsamkeit ersparen. Das ich mehr für dich empfinde wusste ich erst, als ich dich in den Garten brachte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich als Vampir verlieben könnte und noch dazu in einen Jungen. Aber so sieht nun mal die Wirklichkeit aus. Ich liebe dich über alles und nie würde ich mir im Traum einfallen lassen dich gehen zu lassen. Auch wenn du jetzt deine Familie wieder hast. Du kannst sie immer besuchen. Besuch sie so viel du willst, aber bleib bei mir. Bitte.“
Aaron wusste zwar nicht was er sagen sollte, aber ein Kuss sagte mehr als Tausend Worte.
...Ich liebe dich!