Kapitel 3

Erste Fährte 

Vârcolac hatte es sich nicht nehmen lassen, eine Wohnung zu mieten. Schließlich musste auch er manchmal ruhen und anstatt jetzt irgendwo im Freien zu übernachten, machte er es sich nun auf dem Sofa gemütlich. In völliger Dunkelheit nur vom hellen Mondlicht erleuchtet, dass durch die Glaswand drang, nahm er sich seine Akte zum Durchblättern. Es musste doch ein Hinweis hier sein!
Dort waren sämtliche Einträge über Personen die sich je für interessiert hatten sowie auch Unterlagen von seinen Adoptiveltern dabei.
Je länger er sich jedoch die Blätter anschaute, desto hoffnungsloser wurde er. Nach einem Zweiten sinnlosem Durchforsten gab er es schließlich auf.
Seit mehr als einer Woche hatte er nicht mehr die Augen zugemacht. Vârcolac hatte ganz einfach Angst einzuschlafen und von jemanden angegriffen zu werden. Um wirklich ehrlich zu sein, hatte er nie die Angst verloren, die ihn in seiner Kindheit quälte. Der einzige Grund weshalb er angeblich nichts mehr fürchtete war einzig und allein sein Lehrer Daimon. Auch wenn dieser immer streng war und kein bisschen Liebe ihm gegenüber zeigte, hatte er sich trotzdem bei ihm wohl gefühlt. Er war immer da gewesen. Hatte immer über ihn gewacht, als dieser schlief.
Das war das erste Mal in seinem Leben gewesen, dass er jemanden wirklich vertraut hatte, soviel vertraut, dass er diesem gewährt hatte ihn im Schlaf zu beobachten.
Das war das erste Mal...und würde das letzte Mal bleiben...
Todmüde, was er eh schon war, rollte er sich regelrecht zu einer Kugel und schlief ein. Und schlief so gut wie lange nicht mehr. So als würde Daimon über ihn wachen. Ihn immer beschützen. Immer bei ihm bleiben.

~§~
...“Das heißt kein Abschied auf immer. Nein. Ich würde nie auf die Idee kommen, dich ganz im Stich zu lassen. Dazu bist du zu verletzlich. Zu jung. Dazu hab ich dich viel zu gern. Ich werd immer bei dir sein, auch wenn du mich nicht sehen solltest oder mich nicht bemerken solltest. Ich werde da sein. Versprochen!...“
Letzte Worte die Daimon in der Nacht zu seinem Schützling flüsterte. Dieser hatte es ganz sicherlich nicht hören können. Er schlief zufrieden an Daimon gekuschelt und wusste nicht einmal, dass sein Lehrmeister vorhatte ihn zu verlassen.
Nach einer Weile, in der Daimon den jungen Vampir einfach beim Schlafen beobachtete, strich er sacht einige Strähnen aus der Stirn des Jungen und gab ihm einen leichten Kuss auf die Wange.
Erhob sich nach einer geraumen Weile, wie es ihm schien und verschmolz mit der Dunkelheit, die er als Verbündeten hatte und hinterließ einen plötzlich ängstlich wirkenden, schlafenden noch so jungen Vampir

...Der Schlaf hatte ihm sichtlich gut getan. Er hatte bis Nachmittags geschlafen. Jedoch blieb seine Stimmung die Gleiche: Er hatte in den Akten keine einzige Fährte gefunden. Natürlich waren ab und an einige Pärchen da gewesen und waren sehr interessiert an dem schönen Jungen, aber Aufzeichnungen darüber, dass jemand nach seiner Adoption noch Anfragen gemacht hatte, gab es nicht.
Er überlegte sich was er nun tun sollte. Vielleicht die ganze Welt absuchen – irgendwo musste es ja Vampire geben und vielleicht waren auch irgendwann seine Eltern darunter.
Wohl eher nicht. Bei den unzählig vielen Menschen auf dieser Erde würde er eine Ewigkeit suchen und er wollte nicht ein unsterbliches Leben für eine Suche verschwänden.
Es musste auch anders gehen. Vielleicht sollte er einige der damaligen Betreuer aufsuchen, es könnte sich ja etwas ergeben.

Nachdem Vârcolac seine Akte verschwinden ließ, sich noch mal im Waisenhaus eine Liste von den Betreuern ‚ausgeliehen’ hatte ging er direkt zu dem ersten der auf seiner Liste stand. Bei jedem der Betreuer und auch Ehemaligen stellte er sich richtig vor und meinte immer nur, dass es sehr wichtig wäre. Bei jedem der Besuche waren die Personen begeistert einen ihrer einstigen Schützlinge zu sehen und was die Auskunft wegen einem Pärchen betraf so wussten sie von nichts.
Mit 2 Ausnahmen: Eine schon etwas ältere Dame meinte sogar so eine merkwürdige Begebenheit erlebt zu haben. Sie meinte nur, dass sie im Traum 2 Gestalten nach einem Jungen namens Vârcolac fragen und als sie ihnen geantwortet hatte, wachte sie an ihrem Schreibtisch im Büro auf.
Eine ähnliche Begebenheit hatte der Andere auch. Auch er hatte damals etwas länger als nötig gearbeitet und ein Pärchen kam noch später am Abend vorbei. Sie waren an einem Kind interessiert. Um genau zu sagen: Einen Jungen. Er forderte die Beiden auf am Tag noch mal vorbei zukommen, Beide waren sehr nett gewesen und gaben ihm sogar zum Schluss die Hand. Das merkwürdige an dem Händeschütteln war nur, dass er sich fühlte als ob ihm die Beiden etwas herausziehen würden. Nur konnte er nie sagen was es war. Einige Tage später, als er dann an einigen der Adoptionsunterlagen sahs, hatte er plötzlich die Namen von mindestens 2 Jungs vergessen.
Das reichte Vârcolac. Die Tatsache, dass die Frau im Traum von 2 Personen befragt wurde, ließ ihn jetzt nicht mehr zweifeln, dass seine Eltern wirklich im Waisenhaus waren, ihn aber nicht gefunden haben.
Eines das er sich nun fragte war, warum sie nicht einfach zu seinen Adoptiveltern gegangen waren. Die Antwort hätten sie garantiert in dem Mann gefunden, denn war sich absolut sicher, dass sie ihm sämtliches Wissen über ihn geholt hatten.
Also warum nicht? Wollten sie ihren Sohn nicht wieder haben? War er ihnen egal geworden?
Vârcolac schüttelte den Kopf. Was interessierte ihn das eigentlich? Es war nicht so, dass er unbedingt bei seinen leiblichen Eltern sein wollte, er wollte doch bloß diese Kreaturen begutachten, die ihm dieses Leben angetan hatten.
Zwar wusste er jetzt, dass seine Eltern dort waren, aber niemand wusste wohin sie gegangen waren.
Weiterhin nachdenklich was er weiterhin machen sollte, latschte er durch die vollen Straßen der Innenstadt. Dass er Matthews unterwegs begegnen könnte war kein Problem. Die Menschen würden ihn nur wieder erkennen wenn er es selbst wollte.
Er lief an einem Schaufenster vorbei, in dem Fernseher verkauft wurden. Einer von ihren Waren zeigte gerade die Nachrichten. Und gerade, als Vârcolac vorbei kam, kam die Nachricht von 3 unerklärlichen Morden und einer heißblütigen Begegnung zwischen Mörder und C.I.A.- Beamten. Niemand anderem als Matthews. Es wurden einige Bilder von den Tatorten gezeigt und die aufgespießte Leiche hatte man als extra noch parat.
Vârcolac bewunderte sein Werk und musste gleich darauf lächeln. Sie waren wunderbar gearbeitet. Die, im Detail, nachempfundenen Schlangen, die sich um den Griff wanden, waren einmalig Die Dolche hatte er einst mal zusammen mit Daimon ausgesucht. Bei einem Waffenschmied, der im Untergrund tätig war und der Vârcolac heute noch mit den feinsten Waffen ausstattete.
Falls seine Eltern jemals hier gewesen waren, konnte es durchaus sein, dass sie bei dem Waffenschmied etwas gekauft hatte.
Ein Versuch war es jedenfalls wert.
  ~§~
Später am Abend machte sich Vârcolac auf den Weg in den heruntergekommenen Viertel der Stadt. Hier kann jeder fast alles tun was er möchte. Drogendieler an jeder Ecke, genauso wie überall Huren herumstanden um sich so ihr Geld zu verdienen. Was natürlich nicht fehlen durfte waren die Bandenkriege. Ging jemand spät abends durch die Straßen konnte er sicher sein erschossen, erschlagen, erstochen, überfahren, erdrosselt oder vergewaltigt zu werden, was nicht nur Frauen abbekamen.
Er hatte nie Probleme unbeschadet hier durch zu kommen. Jedenfalls hatte er keine, als er das letzte mal mit Daimon hier war. Das war das erste Mal, dass er ohne ihn bei Darson, den Waffenschmied war.
Um noch einmal sicher zu gehen, nicht gesehen zu werden, überquerte er die Gegend durch die Dächer des Viertels und landete sicher vor der Tür des Schmieds.
Bevor er eintrat, ging er noch mal sicher und schaute sich noch mal auf der Straße um ohne, dass ihn etwas verdächtiges oder auch ein anderer Vampir auffiel. Von Daimon hatte er gelernt, dass er sich vor stärkeren Vampiren in Acht nehmen sollte und lieber floh als sich von diesen töten zu lassen, wenn er in dessen Revier gekommen war. Und hier war es mehr als nur höchstwahrscheinlich, dass andere Vampire sich hier Waffen vom Schmied kauften.
Noch einmal penibel in sich hineinhorchend um ganz sicher zu gehen keinen anderen seiner Art in dieser Gegend zu finden, als jedoch nichts davon sprach, dass eine stärkere Aura in diesem Gebiet war, trat er in die gut getarnte Schmiede ein. Vor der eigentlichen Tür zur Schmiede standen 2 Riesen, die Vârcolac ohne ein Wort die Tür öffneten. Die beiden kannten ihn nur zu gut. Als sie das erste Mal hier waren, hatte Vârcolac den Fehler begannen, als Erstes einzutreten und die beiden Riesen waren sogleich auf ihn losgegangen. Man könnte auch meinen, dass die beiden Riesen Pech hatten, denn noch bevor die Beiden eine Möglichkeit fanden den jungen Vampir anzugreifen, lagen sie längst am Boden und zählten die Sternchen am Himmel. Damals fand es Daimon mehr als nur amüsant seinem Schützling zuzugucken und lachte nur herzhaft, als er nach Vârcolac über die Beiden schritt.
Der Schmied selbst reagierte nie panisch auf fremden Besuch. Er verhielt sich so, als ob niemand da wäre und er wusste ganz genau, dass er sich bei solcher Kundschaft respektvoll zeigen sollte. Ein einziger Fehler und er wäre tot oder ein Sklave irgendeines Vampirs, dem Darson’s Waffen sehr gefielen.

Bei Vârcolac Eintreten blickte der schon ältere Mann kurz auf und machte dann mit seinen Schnitzereien weiter.
Vârcolac indes schaute sich angeblich höchst interessiert einige Schwerter an und strich bei dem einen oder anderen über das Metal. Er hatte den alten Darson und seine Arbeit zu schätzen gelernt und wartete bis der mit seiner Arbeit fertig wurde. Dieser ritzte nur noch die letzte Feder in den Griff und legte das halb fertige Schwert zur Seite. Darson liebte es, dem jungen Vampir Waffen zu schmieden. Der Kleine war einer der Wenigsten, die seine Arbeit schätzten und mit seinen Waffen auch hervorragend umgehen konnten. Er respektierte Vârcolac genauso wie dieser ihn, denn der Junge hatte seit langem schon aufgehört seine Fähigkeit, Gedanken zu lesen, bei dem Alten anzuwenden.
Zurzeit wünschte sich Darson jedoch die Gedanken des Vampirs zu lesen, als er bemerkte wie Gedankenversunken Vârcolac war.
„Was darf ich dieses Mal für dich tun? Du brauchst sicherlich neue Dolche, ich habe die Nachrichten gesehen und die Dolche die man als Beweismittel sichergestellt hat. Schade um die schönen Dolche.“
Darson war wirklich betrübt. Er hatte mit Freuden dem schönen jungen Vampir solch einmalige Dolche gefertigt. Es hatte ihn auch sehr viel Zeit und Mühe gekostet. Aber das lies sich nun mal nicht vermeiden. Zum Glück hatte er einige bei sich behalten – Nur für alle Fälle. Sofort holte er eine Schatulle heraus in denen 6 Dolche mit silbernen Griffen waren und kam damit zu Vârcolac.
  Dieser betrachtete die Dolche wie den größten Schatz der Welt. Jetzt tat es ihm ein wenig leid, dass er 5 von den sechs Dolchen bei den Toten gelassen hatte. Irgendwie wollte er sich bei dem Schmied bedanken, dieser hatte ihm immer wieder seine besten Waffen gegeben ohne dafür einen Preis zu verlangen. Schon damals hatte ihn Darson darauf hingewiesen, dass er von ihm keine Gegenleistung verlange, nur das er gut auf seine einzigartige Kunst aufpasste.
„Ich werde Ihnen die Dolche wiederbringen. Versprochen.“ Vârcolac hatte sich angewöhnt den Mann nicht zu duzen obwohl dieser ihn eigentlich siezen sollte. Ihm waren die vielen Regeln einfach überflüssig erschienen und er unterhielt sich mit Personen wie er es wollte, brach liebend gerne die alten Regeln.
Trotz seinem Versprechen, nahm sich Vârcolac 2 der Dolche. Eine mit silbernen Blättern verziert, der Andere mit schwarz – silbernen Federn. Neigte nur kurz den Kopf vor dem Schmied.
„Ich bin jedoch nicht hier um mir andere Waffen zu holen. Ich bin hier um von Ihnen zu erfahren, ob hier vor ungefähr 11 Jahren ein Paar war, Vampire. Vielleicht ähnelten sie mir sogar etwas. Falls es bei den Vampiren auch so etwas wie Familienähnlichkeit gibt. Bitte, falls sie sich noch daran erinnert können, ich muss es wissen.“ Schon fasst flehend erklang die, eigentlich immer gefühlslose, Stimme des jungen Vampirs.
Der schier große Gefühlsausbruch, war Darson aufgefallen. Er versuchte sich zu erinnern, wobei er langsam zu einem Regal trat um nach etwas zu suchen, dass ihn vielleicht an einen früheren Besuch erinnerte.
Und tatsächlich fiel ihm eine beschädigte Silberglaskugel auf, die auf einer der oberen Regalbretter stand.
„Da war etwas. Ein lückenhaftes Ereignis...vor längerer Zeit...“
~§~

...gerade saß er an einem schwarzem Schwert, dass es für den Meister Daimon bearbeitete.  Darson war bei dem Vampir aufgefallen, dass er seit einiger Zeit ruhiger geworden war. Er hatte ein gutes Verhältnis zu ihm, was nicht gerade selbstverständlich war. Die meisten seiner Vampir- Kunden waren respektlos ihm gegenüber und bedankten sich nie bei ihm. Daimon war schon etwas anders. Darson konnte den Vampir fragen warum er so ausgeglichen wirkte, ein anderer Vampir hätte ihn an die Scheibe geworfen und ihn mit den Krallen aufgespießt.
Daimon jedoch erklärte ihm mit einem leicht sehnsüchtigen Blick, dass er einen noch schlaffenden Vampirjungen in seine Obhut genommen hatte und sprach nur in den höchsten Tönen von dem hübschen Jungen. Darson hätte wetten können, dass sich der Vampirmeister in seinen Schützling verliebt hatte.
...
Er lächelte immer noch, als er daran dachte. Das war ihm noch nie untergekommen. Er würde den Vampirjungen bald zu Gesicht bekommen, denn Daimon würde für den Kleinen Waffen kaufen, sobald dieser erwacht und somit seine eigentlich Ausbildung beginnen wird.
Urplötzlich klopfte es und Darson war ein wenig erschrocken. Anscheinend hatte er Kundschaft.
Sogleich wurde die Tür von den Wachen geöffnet und drei Personen traten ein.
Der Erste hatte schneeweiße, kinnlange Haare, welches sein linkes Auge verdeckte. Er war fast ganz in schwarz gekleidet, außer dem weißen Pelz am Kragen und an den Handgelenken.
Nach kurzem Umsehen, ging er den anderen Beiden aus dem Weg und blieb dort auch für die nächsten Minuten.
Die Beiden, die nach ihm eintraten, sahen edel aus und hatten schon etwas Adliges an sich.
Der Mann wirkte ziemlich mächtig, verhielt sich auch dementsprechend abweisend. Er hatte, genau wie der Weißhaarige, schwarze Kleidung an, es stach nur ein roter Schal hervor, genauso wie ein Schwert, welches an seiner linken Seite hing und dessen Scheide mit einem dunklem Rot verziert war. Anders als der Weißhaarige, hatte dieser schwarzes Haar, jedoch auch kinnlang.
Die schöne Frau an seiner Seite war wunderschön, wie Darson meinte, und schien auch freundlich zu sein, jedenfalls lächelte sie ihn freundlich an, zeigte dabei wohlwissend ihre langen Zähne.
Sie war, im Gegensatz zu den Herren, in hellen Farben gekleidet. Ein roter, mit Schnüren gebundener, Pullover, der auch den Hals verdeckte. Dazu ein weißer knielanger Rock und knielange weiße Stiefel. Sie hatte die gleichen violettfarbenen Augen wie ihr Begleiter und auch dieselbe Haarfarbe, nur leuchteten ihre Haare im Licht violett auf und hingen ihr über die Schultern.
Nach dem Betrachten der drei Personen und nachdem die Drei sich scheinbar genügend umgesehen hatten, stand Darson von seinem Platz auf, an dem er angeblich die ganze Zeit, das Schwert für Daimon bearbeitete.
Darson wusste wie man mit Vampiren umgehen musste: Immer schön zurückhalten und jeden Wunsch der blutsaugenden Wesen von deren Lippen lesen.
„Was wünschen sie, mein Herr?“ Darson sprach absichtlich den Mann mit dem offen gezeigten Schwert an.
Er vermutete richtig, dass dieser deren Anführer war.
„Man versicherte mir, dass sie ein hervorragender Schmied seien. Mein Schwert wurde leider beschädigt...“ Kurz hielt der Mann inne um zu dem Weißhaarigen zu blicken um dann weiter zusprechen, den Blick nicht vom Weißhaarigen wendend.
„Würden sie mir höflicher Weise ein neues Schwert verkaufen?“
Darson war überrascht von der Höflichkeit des Vampirs. Er hatte von diesem Mann eigentlich erwartet angefaucht zu werden, ihm sofort ein Schwert zu geben.
Dieses Verhalten war dem Weißhaarigen völlig suspekt erschienen. Der Mann, der seinen früheren Herrn im Kampf besiegt hatte, seinen Clan aufgelöscht und ihn als Einziges in dessen Clan genommen hatte, sprach, für einen Vampir unwürdig, höflich mit einem einfachen dummen Menschen.
Das konnte und wollte er sich nicht länger auf sich sitzen lassen. Er hatte gegen seinen „neuen Herrn“ gekämpft und verloren. Doch anstatt ihn zu töten, wie es eigentlich unter Clankriegen üblich war, ließ er ihn am Leben und verlangte ihm treu ergeben zu sein; ihm wie ein Schoßhund zu gehorchen. Dieser Vampir hatte ihm in den letzten Tagen gezeigt was er von den Regeln und der Unterwürfigkeit der Menschen zu den Vampiren hielt.
Das eben war zu viel gewesen, ihm war vollkommen egal ob er von diesem bestrafft wurde. Ohne zu überlegen ging er einfach auf den Schwarzhaarigen los, vergas jedoch, dass man ihm seine Waffen abgenommen hatte, so blieben ihm nur seine Krallen.
Jedes Mal, wenn er versuchte den größeren zu treffen, wich dieser aus. Der kurze Kampf verlief genauso wie beim ersten Mal: Während der Weißhaarige sich verausgabte, blieb sein gegenüber gelassen und konnte ihn nach einiger Zeit, mit einem kräftigen Schlag, meterweit weg befördern.
Der Weißhaarige landete auf der Tischkante und stieß somit die Silberglaskugel vom Tisch.
Regungslos blieb der Weißhaarige auf dem Tisch liegen.
„Verzeihen sie bitte wegen der Kugel. Sie wissen ja, wie schwer man heut zu tage gutes Personal findet.“
Darson verzog keine Miene über das eben geschehene, hob nur die Glasscherben auf und meinte nur: „Das kenn ich nur zu gut und keine Sorge wegen der Kugel, das bekomm ich wieder hin. Sie wollten doch ein Schwert haben – Warten sie kurz, ich hab da eins, dass ihnen gefallen wird.“

~§~

 Darson wusste endlich woher ihm Vârcolac Freundlichkeit bekannt vorkam. Ihm war der Junge sofort sympathisch gewesen. Der Mann von damals war genauso wie der junge Vampir vor ihm. Nur, dass in Vârcolac Zügen sich die Schönheit der Frau widerspiegelte.
Als sich der Schmied noch mal den Jungen vor sich betrachtete war er sicher, dass das Paar von damals Stolz auf ihn wäre, wenn sie ihn nun sehen würden.
„Ja, mein lieber Vârcolac. Deine Eltern waren bei mir. Du siehst genauso aus wie dein Vater und du bist genauso wie er. Du hast seinen Charakter geerbt und anscheinend auch die Schönheit und die äußerliche wie auch die innere Unschuld deiner Mutter. Sie wären wahrscheinlich unsagbar glücklich dich zu sehen.“ Darson schmunzelte leicht. Er konnte es einfach nicht glauben. Die beiden von damals hatten einen solch wunderschönen Sohn auf die Welt gebracht. Und doch machte es ihn traurig. Warum um himmelswillen hatten sie ihn nicht bei sich behalten?
Vârcolac spürte die Gefühle des alten Schmieds. Wie töricht der alte Mann doch war, dachte er sich. Er glaubte anscheinend immer noch, dass seine Eltern ihn gewollt hatten oder auf ihn stolz sein könnten. In ihm blieb alles kalt. Der Gefühlsausbruch von vor ein paar Minuten hatte sich gelegt.
Plötzlich war ihm der Respekt den er immer zu dem Schmied hatte egal. Seine Wut und sein Unmut sprachen aus ihm, welche er nicht einmal erkannte.
„Was sollen sie schon von mir haben, alter Mann? Ein dummes Kind, das bis zum 18. Lebensjahr menschlich bleibt, ist doch nur eine Last für sie gewesen. Ihr wisst nichts über unser Folk. Ihr seid nichts weiter, als ein Mensch, der sich einbildet durch seine Schmiedekunst Ansehen bei den Vampiren zu genießen. Ich bin ein Narr, genauso dumm wie mein ‚leiblicher’ Vater, der mich über alles liebt, auf das er und meine achso geliebte Mutter mich schutzlos aussetzten und mir damit ein mehr als nur grausames Leben beschert haben. Mein Vater soll freundlich und höflich gewesen sein? Dann frag ich euch, wie herzlos und falsch musste diese Maske gewesen sein, dass er seinen Sohn ein solches Schicksal zum Geschenk gemacht hat?“ Bei den letzten Worten immer wieder lauter geworden, merkte er nicht, wie er seine Zähne fletschte und seine Augen sich gefährlich golden, wild färbten.
Darson schaute den jungen Vampir überrascht in die Augen. Er war nicht wegen den Worten überrascht und auch nicht wegen den Fängen oder den wilden Augen, sondern wegen einzelner sachter Tropfen, die schon fasst wie rötliche Perlen wirkten, sich an die hellhäutigen Wangen schmiegten und mit dem Vampir um eine traurige Wette weinten.
So, hatte der Schmied ihn noch nie gesehen. Als er ihn zum ersten Mal sah, war ihm ein gefühlsarmes und völlig inkonventiertes Kind begegnet. Das war das erste Mal, dass er so einen Ausbruch sah.
Darson konnte den Jungen gut verstehen. Ein kleines Kind, das seine wahren Eltern nie zu Gesicht bekam. Natürlich musste er gekränkt sein. Von den Eltern im Stich gelassen zu werden war sehr hart und dabei musste Vârcolac noch die Wandlung durchstehen, die er ohne Daimon wahrscheinlich nie überlebt hätte, in dem Zustand indem ihn Daimon fand...
Auf der Hut und Abstand von dem wütenden Vampir haltend, kam er mit einem Stofftaschentuch auf ihn zu. Vorsichtig, mit kleinen sachten Bewegungen wischte er Vârcolac die blutigen Tränen vom Gesicht.
Das fand er nun selbst bei einem Vampir seltsam. Nicht nur, dass der Kleine weinen konnte, die Tränen bestanden aus Blut. Als jedoch nach einer geraumen Zeit die Tränen ihre rötliche Farbe verloren, verstand Darson langsam.
Anscheinend hatte Vârcolac seit einer sehr langen Zeit keine Träne mehr vergossen oder je in seinem Leben getan.
Vârcolac indes fasste sich wieder und drehte sich auch sofort um.
Für ihn waren Tränen auch etwas Neues. Er hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Das letzte Mal weinte er noch, als Daimon ihn fand und danach nie wieder. Bewundernd hielt er eine der glänzenden Perlen auf seinem Finger um sie sofort wieder wegzuwischen.
„Es macht dir mehr zu schaffen, als du es dir zugestehen willst, nicht wahr? Egal wie verletzt man ist, so ist es noch kein Grund einen anderen zu beleidigen, man bereut es danach eh wieder.“ Bei den Worten ging Darson nochmals zum Regal um nach etwas wichtigem zu suchen.
In der Pause, die durch das Suchen entstand, bereute Vârcolac wirklich was er zu dem Mann gesagt hatte. Er hatte den Schmied beleidigt, was er noch nie getan hatte. Dazu war sein Respekt zu ihm viel zu groß gewesen. Nun musste er sich zu etwas aufraffen, was er ebenfalls seit langem nicht getan hatte. Und noch einmal geschah in dieser Nacht ein wahres Wunder.
Mit einem leisen, doch hörbaren „Verzeiht“ entschuldigte sich der Vampir auch sogleich bei Darson.
Bei dem leisen Wort, nickte der Schmied nur zufrieden, machte sich auch gleich wieder daran seine Suche fortzusetzen, was von Vârcolac nicht verborgen blieb.
„Was sucht ihr? Kann ich vielleicht behilflich sein?“ Es war nur ein Angebot, das nur an seine Höflichkeit erinnerte.
„Ach, nicht nötig...hier ist es auch schon.“ Froh den kleinen Zettel gefunden zu haben, ließ sich Darson etwas schwerfällig wirkend auf den Stuhl gleiten.
Vârcolac blickte ebenfalls auf den Zettel, aber eher etwas überrascht die Braue hebend.
„Was ist so wichtiges auf dem Zettel, dass ihr ihn jetzt gesucht habt?“ Neugierde, die aus dem jungen Vampir sprach, entfachtes Interesse, als Darson erklärte was es mit dem Zettel auf sich hatte.
„Du musst wissen, dass dein Vater begeistert von meinen Waffen war. Er kam von weit her und konnte deshalb nicht jedes Mal her kommen um Neue zu holen und deswegen ließ er sich die Waffen auf ein Schloss in Sibirien liefern, vor einigen Jahren jedoch wurden die Waffen zurückgeschickt mit dem Hinweis, dass dieses Schloss nicht mehr bewohnt sei. Seitdem hab ich nichts mehr von deinem Vater gehört.
Wenn du irgendwo anfangen wolltest zu suchen, dann dort. Wer weiß vielleicht findest du eine Spur.“ Mit diesen Worten hielt er Vârcolac den kleinen Zettel hin. Als dieser den Zettel jedoch nehmen wollte, hielt Darson noch fest.
„Unter einer Bedingung...“ Darson war gespannt was der junge Vampir sagen würde. Er hatte das Interesse in den leuchtenden Augen gesehen und wusste mehr als nur genau, dass Vârcolac sich diese Chance nicht entgehen ließ.
„War ja klar. Es gibt immer ein aber. Also was verlangt ihr von mir Schmied? Und bitten sie mich nicht jemanden zum Leben zu erwecken, ich bin nicht so mächtig auf das ich Gott spielen würde.“ Leicht bittere Worte des Jungvampirs, die er in seinem Leben schon so oft gehört hatte. Obwohl er so jung war, hatte er nichts schönes, auf dieser für ihn verfluchten Welt, gesehen und sprach dem entsprechend abgeneigt. Was den Schmied noch mal Mitleid für Vârcolac erwecken ließ, sofort aber wieder wich, als ihn der Vampir wohlwissend  wütend und beleidigt ansah.
Vârcolac respektierte den Mann, weil ihm dieser sehr Weise erschien und er sich nie gegen seine Art und Weise negativ zeigte. Durch diesen Respekt ihm gegenüber, hatte er nie wieder versucht in Darsons Gedanken zu lesen, aber er konnte es nicht verhindern, dass er die Gefühle des Anderen wahrnehmen konnte. Was er fühlen konnte, machte ihn wütend und zugleich beleidigte es ihn, wie er zuvor den Schmied mit seinen Worten beleidigt hatte.
Noch immer wütend, fragte er Darson was er für eine Bedingung war.
„Du warst noch nie in Sibirien und obwohl ich weiß, dass du einen ausgesprochen guten Orientierungssinn und Überlebungsinstinkt besitzt, möchte ich dich bitten eine Person mitzunehmen. Mein Enkel ist äußerst klug. Er kennt sich sehr gut in Sibirien aus und ich möchte, dass er mir eines meiner Schwerter zurück bringt, falls es dein Vater noch auf dem Schloss gelassen hat.“  Darson konnte nun verschiedene Reaktionen setzen: Entweder würde Vârcolac ihn als Vollidioten beschimpfen und sich ohne den Zettel nach Sibirien begeben; ohne ein Wort zu verlieren, die Schmiede verlassen oder Darson sogar töten um sich den Zettel zu holen.
Jedoch traf nichts der Gleichen ein. Vârcolac überlegte lange und starrte die ganze Zeit auf den kleinen Zettel. Eine Begleitung wäre gar nicht mal so eine schlechte Idee, falls es in Sibirien Vampire gäbe so konnte er sich irgend einen dummen Grund ausdenken, dass er den Menschen einem anderen Vampir verkaufen wollte oder so ähnlich, obwohl er sich auch mit denen anlegen konnte – man weiß ja nie wie stark die Biester sind. Zum Anderen konnte Vârcolac kein einziges Wort russisch und so müsste er sich keinen Dolmetscher suchen.
„Aber sie wissen schon, dass ich nicht vorhabe mit ihm ein Flugzeug oder dergleichen zu besteigen? Ich hoffe, dass er ein bisschen was von ihnen geerbt hat was mich sehr erleichtern würde.“
Darson schmunzelte. Wusste Vârcolac eigentlich, dass er einen Sinn für Humor besaß?
„Jeremy geht noch zur Schule, er hat morgen oder übermorgen Sommerferien. Du kannst ihn in seiner Schule finden und erklär ihm ‚schonend’, was du mit ihm vorhast. Ihn zu finden wird nicht sehr schwer sein, geh einfach in Sekretariat oder wenn du gerne die Schule absuchen möchtest, die Namen der Schüler sind auf die Türen geklebt.“
Damit gab Darson dem Vampir den Zettel und war sichtlich erleichtert, dass man mit Vârcolac doch reden konnte. Der junge Vampir wurde langsam erwachsen.